E-Commerce – die offene Flanke des stationären Handels

Interview mit Mirko Caspar auf der Online Marketing Rockstars Conference
Interview mit Mirko Caspar auf der Online Marketing Rockstars Conference

Brille? Fielmann! Kaum ein Produkt bringt man eher mit dem Offline-Markt in Verbindung, als eine Brille. Wer zwei neue Gläser für die schwachen Augen braucht, der geht zum Optiker seines Vertrauens. Er meidet das Internet. Doch ist es wirklich so? Ist das noch die Realität? Wohl kaum.

Denn spätestens, seit die Anbieter von unter anderem Kontaktlinsen die einstigen Monopolisten in den Fußgängerzonen preislich unterbieten, findet auch der Brillenmarkt zunehmend online seine Kundschaft. Ein Beispiel für den Aufstieg dieser digitalen Anbieter ist die Mister Spex GmbH. Seit 2007 gibt es das Unternehmen nun. Angefangen habe alles mit Kontaktlinsen und Sonnenbrillen, sagt Mirko Caspar, der dem Unternehmen seit 2011 als Geschäftsführer angehört. Mittlerweile ist Mister Spex Marktführer, wenn es um Sehhilfen im E-Commerce geht. Man habe den Markt genau sondiert, geschaut, was die Wünsche und insbesondere wo die Vorbehalte der Kunden gegenüber dem Online-Kauf einer Brille seien. Die Ängst, sie lägen auf der Hand, meint Caspar. Man wolle doch eine Brille erst einmal anprobieren, ehe man sie kaufe, rezitiert er. Und das gelänge im stationären Handel doch gewiss besser. „Wo bekomme ich denn meine Sehwerte her“, sei eine weitere, gern gestellte Frage an den Online-Brillenshop gewesen.

Und was ist, wenn da irgendwas nicht passt?

Das Unternehmen installierte entsprechende Filter, die dem Kunden zunächst die Wahl des Gestells vereinfachen. Dann statteten sie ihre Internetpräsenz mit einer virtuellen 3D-Anprobe aus, die dem Käufer eine Vorstellung der Brille auf der eigenen, digitalen Nase bietet. Wer sich für ein Gestell von Mister Spex entscheidet, der darf zudem mit einem kostenlosen Versand von bis zu vier Modellen rechnen. Er hat die Wahl: bei der Auswahl der Modelle und der Entscheidung für oder gegen einen Anbieter. Und wenn dann doch noch etwas angepasst werden muss, so liegt jedem Brillen-Paket noch ein Gutschein bei, mit dem der Brillenträger das Gestell beim regionalen Optiker kostenlos modifizieren lassen kann. Dafür arbeitet Mister Spex mit über 500 stationären Partner-Optikern bundesweit zusammen – ein Rundum-Sorglos-Paket. Heute stellt Mister Spex das größte verfügbare Markensortiment der Branche – eine Erfolgsgeschichte. Doch funktioniert dieses Modell auch für andere Produkte? Wird zukünftig alles online geordert oder gibt es Dinge, bei denen die Beratung noch wichtiger ist? Eine Beratung, die der Internetversand nur bedingt leisten kann.

Gerade in jüngster Vergangenheit wurden auch Gegenstimmen laut – zunächst statistischer Art: De facto halten sich Online- und Offline-Handel die Waage. Internet-und stationäre Käufe liegen auch bei den Onlineshoppern fast gleich auf (52 Prozent online, 48 Prozent offline – Stand Ende 2014). Die Boom-Zeiten des E-Commerce seien vorbei, sagen andere: Der Online-Handel habe dem Einzelhandel bereits einen derart enormen Marktanteil abgerungen, dass er ebenfalls den allgemeinen Konjunkturschwankungen unterworfen sei und gleichsam nicht mehr stetig wachsen werde, heißt es. Zudem suchen die meisten, über Zwei-Drittel der Internetkunden, ihre Produkten auf den einschlägigen – zumeist amerikanischen – Online-Großportalen a la den Platzhirschen Amazon und Ebay (Stand Ende 2014). Wenn es um E-Commerce geht, ist der Kunde enorm markentreu. Zudem eignen sich wohl nicht alle Produkt für den Internetmarkt: Medien, sprich Bücher, DVDs und dergleichen, sind die meist gekauften Online-Artikel, gefolgt von Mode-Artikeln, Elektrogeräten und Medikamenten. Und welchen Artikel kauft der Konsument nun im Internet – und welchen nicht? Oder besser: warum? Entsprechende Umfragen benennen die folgenden Vorteile oder Beweggründe des E-Commerce: günstige Preise, Bequemlichkeit, weil die Lieferung nach Hause kommt, gepaart mit der großen Auswahl und der guten Verfügbarkeit.

Der Offline-Kauf hat derweil einen Vorteil, der dem Wesen des Einkaufens seit jeher innewohnt – seit den Zeiten des antiken Marktplatzes: das Kauferlebnis.

Offline-Kunden schätzen an ihren stationären Händlern, dass diese die Produkte direkt verfügbar, das heißt zur Mitnahme bereithalten. Ferner könne man die Ware anschauen, werde direkt und Face-to-Face beraten, spare die Versandkosten und auch ein möglicher Umtausch falle leichter. Wohl auch deshalb wird der stationäre Handel niemals verschwinden. Er wird sich verändern, auch weiterhin, und vielleicht ein Stück weit verdrängen lassen.

Aber er wird wohl seine Stellung niemals ganz einbüßen, wenngleich die Rivalen aus der digitalen Welt die offene Flanke des Einzelhandelns gewiss erkannt haben. Erfolgreich können ergo jene Unternehmen sein, dies es schaffen, beide Konzepte miteinander zu verbinden – sogenannte Multichannel-Anbieter, die ihre Kunden sowohl in der Fußgängerzone als auch via Heim-PC bedienen können. So wie Mister Spex, die mit den regionalen Optikern zusammenarbeiten. Für den Brillenmarkt jedenfalls sieht Caspar eine Win-Win-Situation, denn immerhin verfüge Mister Spex über eine Kundenreichweite, die seinesgleichen suche. „Wir bringen den stationären Optikern Kunden für kleinere Dienstleistungen in den Laden, die sonst nicht dorthin gingen“, sagt Caspar. Der Mix macht’s.

Quellen:

http://www.internethandel.de/blog/Online-offline-oder-beides-Wo-liegt-die-Zukunft-des-Handels/ http://www.gruenderszene.de/datenbank/unternehmen/mister-spex http://www.die5gestalter.de/de/die-zukunft-des-online-handels-liegt-in-den-nischen