Ethik im Internet – Truman und die Freiheit

Erinnern Sie sich noch an die „Truman Show“, den Hollywood-Film mit Jim Carrey aus dem Jahre 1998? Der Versicherungsangestellte Truman Burbank wächst hierin in einer amerikanischen Kleinstadt der 50er Jahre auf. Er ist ein stets gut gelaunter und konzilianter Kerl, einer, der keiner Fliege etwas zu leide tun kann. Er arbeitet fleißig, er hat Frau und Kinder. Er lebt den „American Dream“ – in Freiheit. Das glaubt der gute Truman zumindest. Doch tatsächlich ist er Teil einer Fernsehserie, die sich zum Ziel gesetzt hat, das Leben eines Menschen von Geburt an zu dokumentieren und das Ganze dazu auch noch live im Fernsehen zu präsentieren. Tatsächlich ist er so unfrei wie man das nur sein kann. Seine charmante Frau – eine Schauspielerin. Sein Leben – das Ergebnis eines Drehbuchs.

Truman jedoch hält sich für frei, für ein selbstbestimmtes und autonomes Individuum. Solange, bis der Vorhang fällt und er durch Zufall einen Einblick hinter die Fassade bekommt – er Backstage kommt, sozusagen. Plötzlich erkennt Truman, dass sein Leben keine private Sphäre besaß, dass das, was er für seinen persönlichen Schutzraum hielt, von Millionen anderen beobachtet worden war – es war öffentlich.

Es mag eine gewagte Analogie sein, doch in gewisser Weise trifft dieses irrwitzige Szenario auch auf manche unserer heutigen Interaktionen im Internet zu. Truman wurde seiner Privatheit beraubt, ohne dass er sich dessen bewusst gewesen war. Geht es uns beim Surfen nicht ähnlich? Unsere privaten Daten, unsere Klicks, der Standort unseres Smartphones, ja ein ganzes Profil des jeweiligen Nutzers, es landet in der Hand entsprechender Internetriesen, die theoretisch damit machen können, was sie wollen – es zum Beispiel für ihre Werbemaßnahmen zu nutzen.

Sicher wundern Sie sich nicht mehr, weshalb Ihnen beim Surfen immer Reklame jener Schuhe angezeigt wird, die Sie ohnehin schon einmal im Blick gehabt hatten – und das in jenen Shops, die sie zuletzt online eh öfter einmal besuchten. Die auf dem bisherigen Klickverhalten basierende und damit individuell auf Sie und mich zugeschnittene Online-Werbung, sie ist eine geschickte Sache, weil sie einem das Suchen von Produkten und ähnlichem erleichtert. Doch gerade in der wissenschaftlichen Diskussion bekommt die personalisierte Werbung, die selbstredend insbesondere aus unternehmerischer Sicht enorme Vorteile bietet, immer wieder eine aufs Dach gezimmert – von der Medienethik nämlich. Und das nicht nur, weil sie das Ergebnis einer genauen Datenanalyse, basierend auf Algorithmen über dich und mich darstellt, sondern weil diese Personalisierung, so wird behauptet, die Grundidee des Internets negiert: nämlich ein Medium der Demokratie zu sein, das nationale Grenzen aufhebt und Völker verbindet. „Die Filter Bubble“, so die von Eli Pariser geprägte Bezeichnung für dieses Phänomen (das gleichnamige Buch erschien 2011), führe dazu, dass ein jeder in seiner eigenen kleinen Welt bleibe, in seiner „Filter Blase“. Denn wenn mir Google jene Suchergebnisse anzeigt, die aufgrund meines bisherigen Suchmaschinen-Verhaltens eh zu mir passen, und wenn mir nur jene Produkte auf dem Screen erscheinen, für die ich mich ohnehin interessiere, dann bleibt mir eine enorme Bandbreite an Rest-Welt verborgen, dann bleibt da nicht viel von Grenzüberschreitung, dann bleibe ich in meiner digitalen Nachbarschaft gefangen. Ich wurde, ohne das zwangsläufig zu merken, meiner Entscheidungsfreiheit beraubt – wenn letztere mit Autonomie und Selbstbestimmung definiert wird.

„Eine Welt, die aus dem Bekannten konstruiert ist, ist eine Welt, in der es nichts mehr zu lernen gibt, [weil] es eine unsichtbare Autopropaganda gibt, die uns mit unseren eigenen Ideen indoktriniert.“ – Eli Pariser, The Economist, 2011

Und damit wären wir wieder bei Truman, den Sozialen Medien und der Freiheit. Diese Trennung, die wir aus der realen Welt kennen, die Trennung zwischen meinem Wohnzimmer, wo ich tun und lassen kann, was ich will – und einem öffentlichen Ort, wo ich weiß, dass ich (von meinen Mitmenschen potenziell) beobachtet werde, wie etwa einem Bahnhof – dieser Dualismus also findet insbesondere in Sozialen Netzwerken seine Aufhebung. Wo diese Zweiteilung im „real life“ quasi vorgegeben und natürlich ist, muss man beispielsweise auf Facebook für sich selbst entscheiden, was man postet oder was man seinem Chef und seiner Follower-Schaft besser nicht zeigt. Gerade Kindern und Jugendlichen ist diese Funktionsweise, dass man die Kontrolle über seine Daten verlieren kann und diese potenziell auf ewig im World Wide Web auf Reisen sein können, meistens nicht bewusst. Ich poste private Fotos auf einer öffentlichen Plattform – Privates wird öffentlich.

Denn wir verlieren die Kontrolle über das, was wir im Social Media gepostet haben. Ich poste es und in diesem Moment kann ich nur noch bedingt beeinflussen, was damit passiert, wer es teilt, liked und so weiter. Und das alles ist zudem fortan immer da. Es bleibt als digitaler Fußabdruck im Kosmos der Einsen und Nullen und Sie haben kaum noch Einfluss darauf, was sich daraus entwickelt – und vor allem, wer das alles sieht.

Beate Rössler sieht in dieser Entwicklung einen Verlust von Freiheit. Freiheit, so definiert sie stark vereinfacht, ist all das, worüber ich die Kontrolle des Zugangs habe, worüber ich bestimmen kann, wer rein kommt und wer nicht. In meinem Wohnzimmer zum Beispiel, da bin ich frei. Denn wo ich in meiner Privatsphäre bin, unbeobachtet, da verhalte ich mich, wie ich das mag. Das ist Autonomie. Im Restaurant bin ich – nach dieser Definition – nicht ganz frei. Meine Tischnachbarn sehen schließlich, was ich so mache. Ergo werde ich mein Steak nicht gerade manierlos herunterschlappern, wie ich das womöglich in meiner Küche machen würde. Nur, hier weiß ich, dass ich beobachtet werde – ich bin in der öffentlichen Sphäre.

Für Rössler, die diese Idee in ihrem Buch „Der Wert des Privaten“ aufschlüsselt, wird die Sache problematisch, wenn man meint, man sei in einer selbstbestimmten Sphäre, doch man längst diese Selbstbestimmung über diese verloren hat. Wenn Privates zu Öffentlichem wird und ich dies nicht einmal mehr weiß. Und diese Gefahr erkennt sie etwa durch das Datensammeln von Internetriesen. Wenn ich nicht mehr weiß, was mit meinen Daten passiert, werde ich nicht so handeln, wie ich das machen würde, wüsste ich darüber Bescheid. Wenn ich stets annehmen muss, dass das, was ich tue, von anderen, mir Unsichtbaren, gescannt und analysiert wird, handle ich entsprechend. Mein Handeln wird damit fremdgesteuert, das macht mich unfrei.

„Der Schutz informationeller Privatheit ist deshalb so wichtig für Personen, weil es für ihr Selbstverständnis als autonome Personen konstitutiv ist, in ihnen bekannten Grenzen Kontrolle über ihre Selbstdarstellung zu haben, also Kontrolle darüber, wie sie sich wem gegenüber in welchen Kontexten präsentieren, inszenieren, geben wollen, als welche sie sich in welchen Kontexten verstehen und wie sie verstanden werden wollen, darum also auch, wie sie in welchen Kontexten handeln wollen.“ – Beate Rössler, Der Wert des Privaten, 2001

Für Rössler zählt Freiheit, zählen Autonomie und Selbstbestimmung zu den zentralen Werten des Menschen und zu den Grundpfeilern der Demokratie. Verliert man diesen Wert, verliert man die Demokratie. Das mag womöglich ein etwas abstruses Horrorszenario sein. Dennoch ist es nicht schlecht, diese Gedanken und dieses Szenarie einmal durchgegangen zu sein, bevor man intime Urlaubsfotos oder Saufbilder auf Facebook postet.

Und ja, diese Entwicklungen – wie Personalisierung und Datenanalyse – haben gewiss nicht nur Schlechtes. Man kann einer personalisierten Online-Welt auch viele Vorteile abgewinnen, man kann mit der Daten-Hatz zum Beispiel Terroristen jagen. Wichtig ist nur, dass man sich die dem allem zugrundeliegenden Mechanismen einmal vor Augen geführt hat, dass man wie Truman einmal einen Blick hinter die Kulissen geschaut hat. Welche Folgen man dann daraus zieht, das bleibt einem jeden selbst überlassen. Das ist das Gute daran. Das ist des Menschen Freiheit. Truman hat seiner alten Welt den Rücken gekehrt …

Die Thematik der Freiheit und der Privatheit im Internet hat insbesondere im wissenschaftlichen Diskurs eine enorme Relevanz. An der Hochschule der Medien in Stuttgart gibt es für derlei Belange einen eigenen Lehrstuhl: das Institut für Digitale Ethik. Wir haben uns im Rahmen der re:publica in Berlin mit Prof. Dr. Petra Grimm, der Dekanin des Lehrstuhls, über Ethik, Privatsphäre und Verantwortung im Internet unterhalten.