Was die deutsche Startup-Szene vom Silicon Valley lernen kann

Schreibtisch eines Start-Up Büros

Deutschland hat sich in den vergangenen Jahren eine wirtschaftlich substanzielle Gründerszene aufgebaut. Deutsche Großstädte, wie Berlin oder Hamburg, sind führende Kreativstandorte für Online-Startups und gelten als treibende Motoren der digitalen Wirtschaft. Aber wie kann es sein, dass das Silicon Valley im US-Bundesstaat Kalifornien weiterhin als „Sehnsuchtsort“ großer Ideen und technologischer Innovation gilt – und was bedeutet das für die deutsche Startup-Szene?

Im globalen Wettbewerbsvergleich profitiert Deutschland vor allem bei komplexen industriellen Aufgaben von seiner Ingenieurkunst im Silicon Valley. Ein besonderes Augenmerk liegt hier auf Produkten mit hoher technologischer Innovationsstärke und Qualität. Doch die Digitalisierung lässt Deutschlands traditionsreiche Unternehmen und Neugründer scheitern. Die deutsche Hard- und Softwareindustrie hat bis heute nur sehr wenige weltmarktführende Unternehmen, wie SAP, hervorgebracht. Die interessanten und erfolgversprechenden Digital-Unternehmen wandern meist wenige Jahre nach ihrer Gründung aus – „Exit ins Silicon Valley“.  Wertschöpfungen werden ausgelagert; Kreative und Ingenieurleistungen abgeworben.

Die deutsche Startup-Szene – eine Bestandsaufnahme

Ernst & Young warf Anfang des Jahres mit seiner Studie „Star-up-Barometer Deutschland“ einen interessanten Blick auf die aktuelle Startup-Szene in Deutschland. Die mit Abstand besten Bewertungen für Startup- Rahmenbedingungen erhält weiterhin Berlin, das von gut jedem zweiten der dort ansässigen Startup-Unternehmen gelobt wird. Es wundert daher nicht, dass 55% aller Risikokapitalfinanzierungen an Berliner Startups fließen. Die Bereiche Software (34%) und eCommerce (27%) sind dabei die beliebtesten Branchenzweige. 58% der 181 befragten Startup-Unternehmen befinden sich in der Wachstumsphase und beschäftigen durchschnittlich 18 Mitarbeiter. Hohe Umsatzzuwächse werden im diesem Stadium der Startups nicht mehr erwartet. Trotzdem erreichen die durchschnittlich positiv erwarteten Umsatzentwicklungen mit 37% einen Rückgang von 19% im Vergleich zum Vorjahr. Nur 3 von 10 Startups in Deutschland sind derzeit auf den Weltmarkt ausgerichtet. Die Mehrheit legt ihren Fokus eher auf den deutschsprachigen Raum (64%). Im Vergleich zum Vorjahr hat sich damit keine Änderung ergeben. Betrachtet man die größten Herausforderungen junger Entrepreneure in Deutschland, so wird schnell deutlich, dass Finanzierungsschwierigkeiten und rechtliche Rahmenbedingungen die größte Sorge bleiben. Erwartungsgemäß nutzen die meisten Start-ups Eigenmittel und Cashflows als Finanzierungsform.

Wo bleibt nun die Revolution?

Viele revolutionäre Innovationen, also Innovationen, die neue Produkte und Märkte schaffen, die wir heute für selbstverständlich halten, stammen von Einzelpersonen und nicht von marktbeherrschenden Großunternehmen. Es scheint, dass disruptive Innovationen an starren und bürokratischen Vorgaben großer Unternehmen scheitern. Amazon, Google, Napster, Apple und Microsoft; sie alle sind Vorbilder disruptiver Innovationen der letzten Jahrzehnte – und aus den USA. Woran kann es also liegen, dass solche Revolutionen nicht in Deutschland stattfinden und kann diese Entwicklung eigentlich noch abgewendet werden? Um die Gründe dieser Entwicklungen zu verstehen, gilt es konkrete wirtschaftliche, gesellschaftspolitische, sowie rechtliche Rahmenbedingungen, in denen sich digitale Geschäftsmodelle bewegen, zu betrachten.

Auf Spurensuche

Auf der Suche nach der fehlenden Revolution digitaler Startup-Unternehmen, ist zunächst eine Betrachtung ihrer Gründer notwendig:

Viele deutsche Gründer eines digitalen Geschäftsmodells sind klassische Betriebswirte oder MBAs. Ein technisches Know-How ist hier zwangsläufig nicht in profunder Form zu finden. Die digitale Revolution beruht aber zunächst einmal auf eine technische Revolution. Die Geschäftsmodelle der heutigen Global Player, wie Google, Facebook und Co., wurden von Technikern gegründet – nicht von Betriebswirten. Eine interessante Lösung dieses, nicht zu verkennenden, Problems bietet das Massachusetts Institute of Technology (MIT): Mit einer angegliederten Business School führt das MIT Ökonomen und Ingenieure bereits während der Studienzeit zusammen und organisiert Ausgründungen – und das mit sehr hohen Erfolgen. Staatliche Hochschulen in Deutschland sind von dieser Idee weit entfernt: Starre Hochschulsysteme mit geringerem holistischem Ausbildungswert (Stichwort Studium Generale) und die fehlende Bereitschaft hochschulübergreifender Zusammenarbeit behindern die Entwicklung und Förderung eines risikofreudigen Unternehmergeistes.

Wie entscheidend dieser Esprit für das Innovationsklima und den Erfolg einer Startup-Szene in einem Land sein kann, zeigt sich in einer repräsentativen Studie von AXA zur „Innovationen und Unternehmensgründungen in Deutschland und in den USA“. Während 54% der befragten Personen in Deutschland „die Angst zu Scheitern“ als Gründungshemmnis sehen, sind es in Amerika nur ca. 40%. „Scheitern“ gehört zum Stigma der deutschen Wirtschaftskultur. Amerikaner sehen das Scheitern als wertvolle Erfahrung und Lernmöglichkeit im unternehmerischen Handeln. Insbesondere im Silicon Valley herrscht bei den Entrepreneuren eine hohe Risikofreude. Der Leitgedanke verankert sich im Konzeptes des „Fail often, fail fast und fail cheap“. Eine gesunde Kultur des Scheiterns und der Risikofreude wird man in Deutschland nur schwerlich finden. Deutsche Unternehmer sind bekannt für ihren Perfektionismus und ihren Realismus. Märkte werden überanalysiert; das Für und Wider bei Entscheidungen abgewogen. Das starre System lässt Experimentierfreudigkeit und dem Mut für neue (Firmen)-Konzepte, die das Silicon Valley noch bis heute groß machen, kaum eine Option.

Im nächsten Teil unserer kleinen Serie „Was die deutsche Startup-Szene vom Silicon Valley lernen kann“ werfen wir einen Blick auf die Bereiche Finanzierung und Politik und zeigen Wege auf, jungen Menschen in der digitalen Wirtschaft eine Chance zu geben.

Hier geht es zum 2. Teil unserer kleinen Serie!

Quellen:

http://www.adhibeo.de/2014/07/16/vergleichsstudie-zur-situation-deutscher-und-us-amerikanischer-startup-unternehmen/

https://www.axa.de/site/axade/get/documents/axade/AXA.de_Dokumente_und_Bilder/Unternehmen/Presse/Pressemitteilungen/Dokumente/2015/AXA-Studie-Innovationen-und-Unternehmensgruendungen-in-D-und-USA.pdf

http://www.ey.com/Publication/vwLUAssets/EY-Start-up-Barometer-2015-August/$FILE/EY-Start-up-Barometer-2015.pdf

http://www.kas.de/usa/de/publications/39448/

http://www.kas.de/wf/doc/kas_39903-544-1-30.pdf?141210104950

http://www.kas.de/wf/doc/kas_37976-544-1-30.pdf?140623133614

http://www.kas.de/wf/doc/kas_29348-544-1-30.pdf?111122122526